Was geschah....
...wissen wir bis heute nicht wirklich! Es war unglaublich.
An der Unfallstelle erzählte man uns, die Unfallgegnerin hätte angegeben, über grün gefahren zu sein, bzw. sie wollte über grün fahren. Sebastian sei demnach angeblich über rot gefahren.
Meine Schwester rief gleich am nächsten Morgen bei der hiesigen Polizei an und wollte Auskunft über den Unfall. Man sagte, die Eltern des Verstorbenen müssten persönlich vorbeikommen, eine telefonische Auskunft wollten sie nicht geben.

Die Fahrt zur Polizeistelle war eine Tortour. Ich konnte kaum laufen, mein Schmerz war zu groß. Und noch immer hatte ich das unstillbare Bedürfnis, meinen Sebastian zu sehen. Ich wollte mich doch so gerne verabschieden!!!!!

Dann ließ man uns erst mal eine ganze Zeit in einem Zimmer warten - eine Ewigkeit. Bis uns schließlich ein Polizist in ein Zimmer bat. Dieser wusste, wie sich sehr schnell herausstellte, so ziemlich gar nichts, da er an diesem Abend keinen Dienst hatte. Er holte dann eine "Akte" (ich nenn es mal so, aber es war eher ein Zettelberg!) und versuchte irgendwas zu erklären.

Ich sprach dann den Wunsch aus, zu meinem Sohn zu wollen. Der Beamte gab an, Sebastian läge in Gießen. Dort rief er auch an und fragte nach, ob es möglich sei, dass die Eltern ihren Sohn Sebastian sehen könnten. Er bekam eine positive Antwort. Dann jedoch redete man mir das aus; ich sollte Sebastian besser in Erinnerung behalten, wie er lebte. Die Verletzungen könnten sehr schlimm sein. Nach langem Hin und Her ließ ich mich überreden und wir fuhren doch nicht hin.

Und dann das: Später stellte sich heraus, dass Sebastian überhaupt nicht in Gießen lag, sondern in meiner unmittelbaren Nähe: hier in Oberau in der Halle vom neuen Friedhof!!!!! Das erfuhr ich aber erst Tage später! Hätte ich das gewusst, ich hätte hingehen können, ihm eine Kerze anzünden können. Das tat weh...
Die Gerüchteküche brodelte und bald fand man heraus, wer die 23-jährige Fahrerin war. Eine F.B. aus dem Nachbarschaftsort! Ich war mir sicher, dass sich dieses Mädchen oder wenigstens ihre Eltern bei mir melden würden und ich erhoffte mir eine klare Auskunft! Marina, Sebastians Schwester, konnte es sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihr Bruder über rot gefahren sein sollte (die beiden sind sehr viel zusammen gefahren). Auch mir kamen Zweifel, schließlich hatte es Sebastian nicht eilig, er war ein sehr guter und sicherer Fahrer. Wenn es wirklich so war, so dachte ich, würde es mir die Unfallgegnerin sagen.
Es wurde ein Kreuz an der Unfallstelle aufgestellt und es folgte die Beerdigung. Aber weder von der Unfallgegnerin noch von ihren Eltern, bei der F.B. noch wohnte, meldeten sich bei uns schriftlich oder mündlich -nichts!
Eine gute Bekannte machte uns dann aufmerksam, dass wir uns dringend einen Anwalt nehmen müssten. Als Anwaltsgehilfin konnte sie uns ein sehr gutes Anwaltsbüro in Frankfurt nennen, welches unseren Fall übernehmen würde (Danke!). Nach kurzen Formalitäten erfuhren wir dann das für uns Unglaubliche: Die Unfallgegnerin hatte direkt am nächsten Morgen einen Anwalt aufgesucht und ihre Aussage verweigert!! Des Weiteren sollte, da niemand Einspruch erhob, die Akte geschlossen werden.
Was dann kam, versuche ich kurz zu schildern: Es kam ein derart dünnes, mit Fehlern gespicktes, lückenhaftes Protokoll, was sich "Akte" nannte, von dem hiesigen Polizeioberkommissar, dass es einem wirklich die Sprache verschlagen hat! Mir kam dann einmal der Gedanke, ob es der Polizei vielleicht nicht ganz unrecht war, dass es endlich mal so einen dummen Rollerfahrer erwischt hat - schließlich hat man ja genug ärger mit denen und vielleicht machen die sich jetzt mal Gedanken!! Aber das ist nur so ein Gedanke von mir, ein Gefühl das mich beschlich....
Wie gesagt, wir hatten das Glück, dass uns wirklich sehr gute Rechtsanwälte vertreten haben. Dank deren Engagement und Hartnäckigkeit kam doch noch einiges ans Tageslicht.
So konnte ich den Bericht der Ersthelfer lesen und erfahren, dass mein Kind nicht alleine im dunklen, kalten Graben lag, sondern sich ein Vater und sein Sohn bemühten, sich um ihn bis zum Eintreffen des Notarztes gekümmert hatten. Ohne groß nachzudenken haben sie Erste Hilfe geleistet, verzweifelt versucht, Sebastian zu retten. Dank ihnen habe ich dann auch erfahren, dass Sebastian wohl nichts mehr gemerkt hatte. Seine Kopfverletzungen - ich vermute der Helm war nicht fest genug geschlossen und deswegen verlor er diesen - waren zu schwer.
Es tat sehr weh, dann sehr viel später die nach und nach umfangreich gewordene Akte zu lesen. Festzustellen, dass der Aufprall so heftig war, dass Sebastian seine Schuhe und Handschuhe dabei verlor. Die Bilder der Sachverständigen, die tausend zerfetzte Teile vom Roller zeigten und man so die Härte des Aufpralls nachvollziehen konnte. Weitere Bilder der Unfallstelle, Protokolle über die Verhöre von Notärzten, Ersthelfer und vieles mehr.
Ja, es tat sehr weh, war/ist aber unheimlich wichtig für mich. Jede hunderttausendstel Sekunde im Leben meines Kindes ist wichtig!! Es hat eine weitere Lücke im Leben meines Sohnes geschlossen.


Zum Schluss:
Ich bin die letzten Sekunden mit Sebastian unzählige Male in meinen Gedanken gefahren. Immer wieder habe ich alle Eventualitäten geprüft.
Ich kann nur eins feststellen:
Tatsache ist, dass eine Grünschaltung von Rommelhausen (Richtung der F.B.) kommend nur durch Auslösen der Kontaktschleife erfolgt. Es wurde eine Geschwindigkeit der PKW-Fahrerin von mind. 70kmH festgestellt, somit kann sie die Grünschaltung nicht ausgelöst haben; es ist ihr also ein Fahrzeug vorausgefahren.

Mal ehrlich: angenommen ich habe die Absicht, die Ampel von Hammersbach (Richtung von Sebastian) kommend bei "Rot" zu überfahren und ich sehe, dass von links ein PKW die Kreuzung überquert hat: was würde ich tun?! Blind meinem Vorhaben weiter folgen oder doch besser nach links, Richtung Rommelhausen schauen, ob noch ein weiterer PKW folgt. Es war dunkel – die Xenon-Lichter gut zu erkennen, die Kreuzung von dieser Richtung aus recht übersichtlich!

Andere Möglichkeit: Gehe ich davon aus, dass ich als Rollerfahrer auf der Linksabbiegerspur von Hammersbach nach Rommelhausen stehe und warte auf "meine" Grünschaltung. Von links überquert ein PKW die Kreuzung - ich weiß, dass dieser Grün hat und ich als nächster an der Reihe bin – so ist die Ampelregelung. Ich schaue auf die rechte (mit Helm schaut man nicht nach oben), noch rote Ampel. Diese schaltet nun um auf Orange und ich beschleunige..... leider habe ich mich nicht vergewissert, ob von links noch ein PKW kommt, der noch schnell.......usw. usw.

Das ist meine Meinung!

Das Verfahren wird demnächst eingestellt. Die Unfallgegnerin hat ihr Schweigen nie gebrochen. Dazu erwähnen möchte ich, dass diese selber bei der Polizei tätig ist und auch einen Polizist als Freund hat. Laut Staatsanwalt ist das aber wohl nicht relevant.
Ein Schlußsatz, den ich in einem Leserbrief verfasst habe lautet: Das ist also unsere Rechtsprechung: der, der was sagen könnte und nichts sagen will, wird zum Unschuldigen und der, der sich dagegen nicht wehrt, weil er nichts mehr sagen kann, wird zum Schuldigen. Passen Sie gut auf sich auf!
Wie gesagt: wir wissen nicht wirklich, was und wie der Unfall passiert ist, aber ich habe mir mein Urteil gebildet!



Der Tag, an dem die Welt stehen blieb:
Es waren Herbstferien. Ich bin berufstätig und habe es genossen, eine halbe Stunde länger schlafen zu können, denn ich musste die Kinder nicht wecken.

Nachmittags kam ich wieder nach Hause - müde, beansprucht von der Arbeit. Es war ein Donnerstag und am nächsten Tag hatte Sebastian Geburtstag..... Ich dachte, es wird nur eine kleine Feier. Und dann, eigentlich konnte er doch gar nichts dafür, erfahre ich, dass offensichtlich eine ganze Menge Leute kommen werden - so an die 40 Personen!!!

Wer unser Haus kennt, weiß, dass die Kapazität für 40 Personen weit überschritten ist. Und nun kommt das, was kommen musste: ich habe mit Sebastian lautstark geschimpft, mit ihm diskutiert, wie er sich denn nun das Ganze vorstellt usw. usw.

 

Heute kann ich das nicht mehr verstehen..... Ich war echt sauer. Wir hatten uns dann zwar geeinigt, dass die "Jugend" unten in der Hütte feiert, aber ich musste ihn das noch vorwerfen, schimpfen...

Ich habe dann zwei riesengroße Suppentöpfe gekocht für den Geburtstag. Sebastian war dann wohl von meiner Meckerei so genervt, dass er nicht mal mehr zu mir kam um mir zu sagen, dass er seine Freundin Lena schnell heimfahren wollte. Nur Lena sagte mir "tschüß"...und ich saß wie erschossen auf dem Sofa und trank einen Wein.

Ich war sauer - warum nur!! Da war es kurz vor 21:00 Uhr.

Und irgendwann war ich fertig mit diesen Eintöpfen, da kam meine Tochter Marina sehr besorgt, weil Sebastian noch nicht da war. Die genauen Worte - ich weiß sie nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass sie mir sagte, dass sie schon alle angemailt und telefoniert hätte und Lena gesagt hätte, er wäre schon lange weg und Sebastian ginge - gegen seine Gewohnheit - nicht an sein Handy.

Genau das war der Moment, da habe ich die totale Panik bekommen. Ich hatte so ein Gefühl! Wer mich kennt, weiß, dass ich normalerweise nicht panisch reagiere! Ich weiß alles nicht mehr so genau - es lief einfach ab. Horst gab Marina noch die Anweisung, einen Zettel an unsere Haustür zu hängen: "Sebastian - rufe uns sofort an!"

Dann fuhren wir sofort los. Es muss gegen 22:30 Uhr gewesen sein.

Ich war panisch - und dann haben wir von Rommelhausen aus die Blaulichter gesehen. Ich wünschte mir so sehr, dass Sebastian da nur zuschaut!

An der Ampel kurbelte Horst das Fenster runter und sagte wörtlich zu dem Feuerwehrmann: "Wir suchen einen Jungen mit einem blauen Roller" – darauf dieses Gesicht von dem jungen Mann - da wurde mir bewusst, dass etwas sehr schlimmes passiert sein musste.

Wir sollten halten… und als ich ausstieg kam eine Frau auf mich zu mit den Worten: " Sie müssen jetzt stark sein - ihr Sohn ist tot!"

Heute, nach einem Jahr, verspüre ich noch dieses Entsetzen, diese Fassungslosigkeit. Bis heute ist mir nicht bewußt, was dann war. Ich erinnere mich nur noch an eine entsetzliche Dunkelheit in mir, alles ganz dumpf, meine Beine zitterten. Angst! Nackte Angst. Und die unermessliche Sehnsucht, mein Kind zu sehen!!

Ich wollte – ich musste zu Sebastian! Aber man ließ mich nicht – mein Flehen und Bitten half nicht.

Als wir irgendwann heimkamen, gingen wir hoch zu Sebastians Zimmer. Da waren noch die Lichter an und sein Computer lief. Und immer so ein Ton, wenn jemand Sebastian anmailte - es war so beängstigend, so unglaublich. Das konnte nicht sein!

Dann kamen noch Freunde zu uns. Lena und ihr Vater kamen. Ihr ging es so schlecht, sie tat mir so leid. Mein Neffe Matteo rief an, konnte kaum reden und wollte wissen, ob es wirklich wahr sei… Alles war so unrealistisch, als wäre es ein schlechter Traum!

Irgendwann sind wir dann ins Bett gegangen. Zu dritt (keiner wollte ohne den anderen sein) lagen wir weinend, zitternd, verstört im Bett.

Ich bildete mir dann immer ein, dass Sebastian mit seinem Roller heimkäm, aber er kam nicht.

Ich versuchte zu begreifen, was passiert war. Aber das ging nicht.


Ein sehr schönes Gedicht, das mir aus dem Herzen spricht:


Und frage ich, was ist Glück,
so kann ich keine Antwort geben
als die: du kämst zu uns zurück,
um so wie einst mit uns zu leben!